Zeit ist Geld.
Wissen Sie eigentlich, vom wem dieser berühmte Ausspruch „time is money“ stammt? Nein, nicht von einem – zur Zeit besonders! – gestressten Zeitgenossen aus der Banken-szene, sondern von Benjamin Franklin (1706 – 1790). Franklin gilt als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und war nordamerikanischer Verleger, Staatsmann, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Erfinder, Naturphilosoph und Freimaurer. Volles Programm! Aber nicht genug damit, Franklin engagierte sich auch für das Gemeinwohl. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Strassenreinigung und -beleuchtung, der Einführung der freiwilligen Feuerwehr, der Einführung der ersten Leihbibliothek der Welt und mit der Organisation des Schulwesens.
Wirklich ein vielbeschäftigter Mann wie die Anekdote zu seinem berühmt gewordenen Ausspruch bestätigt: Ein Kunde betrat die Geschäftsräume von Franklins Zeitung und fragt nach dem Preis eines der Bücher Franklins. Als der Verkäufer einen Dollar dafür verlangte und ihm keinen Rabatt einräumen wollte, verlangte der Kunde nach Franklin, der gerade an der neuen Ausgabe der Zeitung arbeitete. Doch Franklin forderte 1 ¼ Dollar. Daraufhin sagte der Kunde verdutzt: „Aber Ihr Verkäufer wollte nur einen Dollar!“ Franklin entgegnete ihm: „Hätten Sie es nur für diesen Preis genommen! Statt dessen halten Sie mich von der Arbeit ab.“ Der Kunde feilschte aber weiterhin um einen günstigeren Preis: „Also, was ist der niedrigste Preis, den Sie anbieten können?“ Franklins Antwort war: „1 ½ Dollar! Und je länger Sie meine Zeit in Anspruch nehmen, desto teurer wird es!“
Normalerweise haben wir sowohl von der Zeit als auch vom Geld zu wenig. Wenn ich mich in meinem beruflichen und privaten Umfeld umschaue, dann scheint aber zunehmend die knappe Zeit zum Problem zu werden. Geld für ein glücklich Leben ist meist genug vorhanden, aber die knappe Zeit wird zur Ursachen von viel Stress, Beziehungsknatsch, gesundheitlichen Problemen und Unglück. Es scheint – im übertragenen Sinn – zu stimmen:
Wer schneller lebt, ist schneller fertig.
Durch die Verbindung von Zeit mit Geld wird auch die Zeit zu einem knappen Gut. Wir müssen oder wollen in der knappen Zeit möglichst viel leisten. Der Durchschnittsmensch zur Zeit Franklins hatte eine Lebenserwartung unter 40 Jahren – und war dennoch nicht so gestresst und gehetzt, wie der heutige Durchschnittsmensch. Das mag damit zu tun haben, dass heute der Durchschnittsmensch nicht mehr die Hoffnung auf die Ewigkeit hat und somit in den erwarteten 70 bis 80 Lebensjahren das „Paradies auf Erden“ erreichen muss – das gibt echt viel zu tun: Traumberuf, Traumfrau, Traumkinder, Traumauto, Traumhaus, Traumferien, Traumaltersresidenz, Traumtod (Herzinfarkt im Schlaf). Wir wollen heute viel mehr (bis hin zu „die Welt verändern“), was Geld und Zeit knapp macht. Dabei ist das Geld noch stark im Vorteil, denn immerhin wissen wir – im Gegensatz zur Zeit – wie viel wir davon haben, und im Normalfall können wir es – ebenfalls im Gegensatz zur Zeit – vermehren.
Zeit oder Geld!
Der berufliche Alltag vermutlich der meisten Menschen sieht heute sogar so aus, dass wir zu wenig Zeit haben, weil wir zu viel Geld verdienen müssen (also mehr, als wir müssten, um unsere tatsächlichen Bedürfnisse zu befriedigen). Ich kenne viele Menschen – Manager wie Ehefrauen – die lieber etwas mehr Zeit (gerade auch miteinander) und etwas weniger Geld hätten.
Weil sie aber die Vorstellung haben, dass das sowieso nicht geht, stellt sich ein faszinierendes Kompensationsverhalten ein: mit der Zeit fangen sie an ihr Geld zu verplempern oder umgekehrt mit dem Geld fangen sie an ihre Zeit zu ver-plempern. Ganz im Gegensatz zu Vorbildern wie Franklin, die sowohl Zeit als auch Geld sehr zielgerichtet investiert und damit unternehmerisch und sozial viel erreicht haben.
Zum Nachdenken
- Versuchen Sie diese typisch marktwirtschaftliche Verbindung zwischen Zeit und Geld und den damit verbundenen Teufelskreis (immer mehr Geld / Güter und immer weniger Zeit) bewusst zu durchbrechen:
- Weichen Sie in Ihrem Kopf den Gegensatz zwischen «Arbeitszeit» und «Freizeit» auf und ersetzen Sie die beiden Begriffe durch «Lebenszeit».
- Fangen Sie an Ihre Lebenszeit bewusster zu planen. Hören Sie auf mit „ich arbeite 40 – 50 Stunden und was ich in der übrigen wachen Zeit mache, lass ich auf mich zukommen“. Planen Sie zum Beispiel mit folgenden Zeit-Kategorien (in Anlehnung an den Sozialethiker Hans Ruh):
- Arbeitszeit, in der Sie Ihr Geld verdienen. Prüfen Sie ernsthaft, ob sie diese nicht reduzieren können zugunsten der nachfolgenden Zeitkategorien. Sozialzeit, in der sich freiwillig für das Gemeinwohl einsetzen (Ehrenämter, Pflegeaufgaben, Politik, …). Freizeit, in der sie beginnen, einiges wieder selbst zu machen (z. B. Wohnung malen), was Geld spart; in der sie sich weiterbilden (Vorträge, Seminare, Weiterbildung, …), was Ihre Qualifikation erhöht; in der sie sich bewusst um sich selbst kümmern (Körper, Seele, Geist), was ihre Leistungsfähigkeit verbessert; in der Sie sich um Ihre Beziehungen (Familie, Freunde, …) kümmern, was Ihr Lebensglück erhöht.
- Wenn Sie beginnen so zu leben, dann gelingt Ihnen das eigentlich Unmögliche: Sie kaufen sich mit Geld Zeit. Natürlich hat diese Zeit – wie alles, das Sie kaufen – ihren Preis, aber es lohnt sich, wie es bereits in der Bibel steht: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit“ (Epheser 5,15).
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