Etwa 80 Prozent aller Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Im Irak findet derzeit die größte Vertreibung der Gegenwart statt. Es ist eine Tragödie, die uns alle aufrütteln sollte.
Im Irak haben Al-Qaida-Terroristen erneut Dutzende Christen ermordet. Die Attentäter stürmten das Gotteshaus während der Abendmesse, ein Teil von ihnen trug Sprengstoffgürtel, andere verschanzten sich mit Gewehren und Handgranaten hinter Kindern. Als erster wurde der Priester am Altar hingerichtet. Dieses Verbrechen reiht sich ein in eine lange Kette christenfeindlicher Taten. Seit dem Sturz Saddam Husseins haben islamistische Terrorkommandos immer wieder Anschläge auf Christen verübt, wahllos christliche Familien erschossen und gezielt Kirchen gesprengt. Von den ursprünglich rund 1,2 Millionen irakischen Christen sind bereits mehr als zwei Drittel geflohen. Die Zurückgebliebenen leben in permanenter Angst.
Nun ist das Christentum ohnehin die am heftigsten bekämpfte Religion. Rund 100 Millionen Christen in mehr als 50 Staaten werden weltweit diskriminiert, gefoltert, hingerichtet. Etwa 80 Prozent aller Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Doch in islamischen Ländern ist die Lage besonders dramatisch. Nicht nur im Iran werden Konversionen mit der Todesstrafe geahndet. Nicht nur in Saudi-Arabien kann es lebensgefährlich sein, in der Bibel zu lesen. Im Jemen wurden im vergangenen Jahr zwei junge deutsche Christinnen ermordet. Und im Irak findet derzeit die größte Christenvertreibung der Gegenwart statt. Es ist eine Tragödie, die uns alle aufrütteln sollte.
Glauben stiftet Gemeinschaft. Muslime fühlen sich für andere Muslime verantwortlich, Juden für andere Juden. Bloß unter Christen fehlt oft die Bereitschaft, sich für Seinesgleichen einzusetzen. Dabei hat Deutschland eines der christlichsten Kabinette seit Jahrzehnten: Angela Merkel, Pfarrerstochter; Guido Westerwelle („Ich bin aus Glauben und Überzeugung in der Kirche“); Philipp Rösler und Annette Schavan (Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken); Thomas de Maizière (Präsidiumsmitglied im Deutschen Evangelischen Kirchentag); Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen, Kristina Schröder, Karl-Theodor zu Guttenberg (allesamt dezidiert gläubig).

Deutschland könnte somit ein europäisches Vorbild dafür sein, wie sich die Berufung auf die christliche Tradition und die christliche Nächstenliebe auch einmal praktisch auswirken kann – durch eine weitaus großzügigere Aufnahme verfolgter Christen aus dem Irak. Natürlich wäre es besser, sie könnten dort bleiben, wo sie seit Jahrhunderten leben. Aber darauf hat Deutschland kaum Einfluss, selbst die USA können die Entwicklung im Land nach dem Abzug ihrer Kampftruppen nicht mehr steuern. Was bleibt, ist Hilfe für die, denen man nahe ist. Auch uns gerade als Christen. Manchmal allerdings muss man sich auch nahe fühlen wollen.
Eine Frau, die hier großartige Hilfe leistet, kam vor vielen Jahren selbst als Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland. Schwester Hatune Dogan, damals noch Kind, und ihre Familie mussten das Land verlassen, nur weil sie Christen waren. Sie entkamen nur knapp der Ermordung.
Heute leitet sie eine von ihr selbst gegründete Hilfsorganisation, die Armen und Bedürftigen, sowie Flüchtlingen in vielen Teilen der Welt hilft. Darüber hat sie ein Buch geschrieben, das einen tiefen Einblick in Not und Elend der irakischen und türkischen Christen gibt. Es ist sehr lesenswert.
Hier ein kleiner Ausschnitt:
Schwester Hatune Dogan sprach mit vielen Hausfrauen unter den christlichen Flüchtlingen, die in die Türkei geflohen sind.
Frau Salam, aus dem Irak in die Türkei geflüchtet, ist dabei das typische Beispiel, die eine zu Herzen gehende Geschichte zuerzählen hat:
Wie ist ihr Name?
Mrs. Salam.
Wie alt sind sie?
27 Jahre.
Wann kamen sie in die Türkei?
Am 20.August 2007.
Wo wohnten sie im Irak?
Im Nord Irak, in Mossul.
Was machten sie in Mossul?
Ich war Hausfrau.
Wer gehörte zu ihrer Familie, als sie in Mossul lebten?
Mein Ehemann, ich und zwei Kinder – 4 und 1 ½ Jahre alt.
Was machte ihr Mann beruflich?
Er arbeitete für eine Öl-Raffinerie.
Erzählen sie mir über ihre Situation, bevor sie aus Mossul flüchten mussten.
Wir waren reiche Leute und hatten unser eigenes Haus und Auto. Wir lebten friedlich zu Zeiten von Saddam Hussein. Als er entmachtet wurde begannen die Soldaten uns Drohbriefe per Post zuschicken. Sie forderten uns auf, das Land zu verlassen oder wir werden getötet. An einem Tag sechs maskierte Männer kamen zu unserem Haus und fesselten meinen Mann. Dann vergewaltigten sie mich vor seinen Augen. Daher entschlossen wir uns zu fliehen.
Wie sind sie hierher gekommen?
Aus dem Irak zu flüchten während dieser Kriegszeiten ist sehr schwer. Es ist nur möglich mit der Hilfe von organisierten Schlepperbanden. Ohne sie würden wir auf der Flucht von Asozialen getötet und ausgeraubt werden. So waren wir auf einen Schlepper angewiesen, der sich auf die Flucht in die Türkei spezialisiert hatte. Er hatte nur Verbindungen zu den türkischen Behörden. Der Schlepper hat uns hierher gebracht, in dem wir mehrfach unser Verkehrsmittel wechselten, damit wir nicht von den Soldaten erkannt und beschossen wurden. Wir hatten nicht die Wahl, in ein anderes Land zu flüchten, da der Schlepper nur in der Türkei seine Verbindungen hatte.
Wie viel haben sie für die Flucht bezahlt?
Wir haben alle Wertgegenstände, wie Bargeld und Schmuck, mit uns genommen, als wir unser Haus verließen. Wir konnten uns mit dem Schlepper nicht auf eine Summe einigen, um ihn dazu zu bewegen, uns in ein anderes Land zu bringen. Auf dem Weg fragten wir ihn, was es kosten würde, uns in die Türkei zu bringen. Er sagte, alles, was wir hätten, würde es kosten. Als wir uns der türkischen Grenze näherten durchsuchten sie uns und nahmen uns alles ab, was wir bei uns trugen. So erging es auch anderen Familien, die mit uns kamen. Es war eine bittere Erfahrung für uns alle. Als sie uns in der Türkei abgeladen hatten wir nur noch unsere Kleidung am Leibe. Ich bat den Schlepper, mir wenigstens meinen kleinen Hochzeitsring zu lassen. Ich bekam ihn schließlich zurück, musste ihn aber hier in der Türkei verkaufen, um damit Lebensmittel zu bezahlen.
Haben sie vorher schon von diesem Land gehört?
Ich habe über die Türkei schon vorher einiges gehört und gelesen. Aber wir hatten keine Vorstellungen über die Türkei, da wir keine andere Auswahl hatten bei unserer Flucht.
Wie sind ihre Lebensverhältnisse hier?
Es ist hier wie im Gefängnis. Wenn wir die Wohnung verlassen verhaftet uns die Polizei. Wir dürfen hier nicht arbeiten und es ist sehr schwer, hier in diesem Kellerloch zu leben. Es gibt keine Fenster und keine Toiletten. Die Ratten rennen hier herum. Es sind wirklich unvorstellbar schreckliche Lebensverhältnisse hier.
Wie kommen sie an Geld, um hier ihren Lebensunterhalt zu finanzieren?
Wir haben kein Geld mehr. Ich habe meinen goldenen Ehering verkauft, um zu überleben. Wie wir in der Zukunft hier überleben können weiß ich nicht. Alles hier ist sehr teuer.
Kein Einkommen, keine Arbeit und niemand, der uns hilft.
Wie ist das Verhältnis zu den anderen Flüchtlingen?
Ich schäme mich, anderen Flüchtlingen zu begegnen. Sie kennen mich gut und sie wissen auch, dass ich vergewaltigt worden bin. Aber die meisten kennen meine genaue Lage nicht. Ich verstecke mich häufig vor den anderen Flüchtlingen. Ich kann mit keinem über meine Situation reden. Ich denke, dass es nicht möglich ist, hier noch mehrere Tage zu leben.
Träumen sie davon, in den Nordirak zurückzukehren?
Daran kann ich noch nicht mal denken, da unsere Nachbarn dort zu unseren Feinden geworden sind. Niemand hilft uns. Wir haben Angst, dass sie uns töten werden, wenn wir zurückkehren.
Was sind ihre Erwartungen an die Zukunft?
Wir haben keine Vorstellungen von der Zukunft und wir hoffen, eines Tages in Frieden ohne Krieg leben zu können. Wir beten zu Gott, uns aus dieser Hölle herauszuholen.
Beziehen sie auch weiterhin ihre Stärke aus ihrem Leben als Christ?
Ganz genau. Unsere Vorfahren waren stark im Glauben und sie haben in früheren Zeiten unter ähnlichen, noch stärkeren Verfolgungen gelitten. Wir glauben, dass unsere Verfolgung eine Ehre und eine Herausforderung für unser spirituelles, geistliches Leben darstellt.
Welche Hilfe erwarten sie von anderen?
In erster Linie betet für uns und helft uns, das wir aus dieser schrecklichen Lage befreit werden.
Hatune Dogan, Cornelia Tomerius
Es geht ums Überleben
Mein Einsatz für die Christen im Irak
Verlag Herder
200 Seiten
gebunden
mit 8 Seiten Abbildungen
Bestell-Nr. 4302287
ISBN 978-3-451-30228-2
No related posts.



