Das Fest der Freiheit

Lila erzählt von ihrem Leben im äußersten Norden Israels

Das Fest der Freiheit – das betont dieser kleine Clip der IDF zu Pessach. Nicht nur er. Freiheit steht im Mittelpunkt dieses Fests.

Das Wort Freiheit hat ja letzthin in Deutschland eine Renaissance erlebt, weil der neue Bundespräsident sich nicht genug daran freuen kann, daß er sie nun hat. Bei denen, die Freiheit immer schon hatten und nicht zu schätzen wissen, so wie bei denen, die Freiheit für überschätzt halten, stößt sein Freiheits-Pathos eher auf Befremden oder peinliche Berührtheit. Selbst Angela Merkel, die ja biographisch dasselbe Durchbruchserlebnis hatte, fand das Rumreiten auf der Freiheit übertrieben. Als wäre Freiheit wie

Geld: man hat sie, aber in guter Gesellschaft spricht man doch nicht davon.Wenn es in Deutschland ein Freiheits-Erlebnis gibt, dann ist es historisch neu. Der Fall der Mauer war zweifellos für die Deutschen ein einschneidendes Erlebnis von Freiheit. Die Befreiung von einem mörderischen Regime zu Ende des zweiten Weltkriegs wurde gleichzeitig auch als Niederlage empfunden und ist darum nicht gerade ein emotional positives Erlebnis der Befreiung geworden. Die Ausrufung der Republik 1918 stand ebenfalls im Schatten eines verlorenen Kriegs. Die Märzrevolution endete in Scheitern und Blutvergießung. Die Befreiung von Napoleon wirkte sich nicht auf die persönliche Freiheit aus, weil viele politischen Hoffnungen enttäuscht wurden. Vorher kann man eigentlich nicht von deutschen Erfahrungen mit Freiheit sprechen, denn es gibt noch kein Deutschland im modernen Sinne.Was Freiheit angeht, ist das deutsche Gedächtnis recht kurz. Zweihundert kurze Jahre gemeinsamer Freiheits-Erlebnisse, alle bis auf den Mauerfall von Krieg, Gewalt und Enttäuschung überschattet. Wir singen zwar “Einigkeit und Recht und Freiheit”, aber die Freiheit landet auf dem dritten Platz, nicht wie bei den Franzosen auf dem ersten. Na ja, das mag Zufall sein, dem Rhythmus geschuldet.Trotzdem würde ich die These wagen, daß der Topos Freiheit im deutschen Bewußtsein hinter anderen Themen zurücksteht, daß er nicht zu den zentralen Themen, zu den Kronjuwelen gehört. Jeder weiß, daß Freiheit wichtig ist, so wie Gesundheit, aber zentrale Werke der deutschen Kunst und Literatur widmen sich anderen Themen – der persönlichen Entwicklung, der Verwirklichung von Träumen, dem Versinken in Obsession, dem Abfall vom Glauben, der Liebe. Settembrini ist kein Deutscher. Die Liberalen sind eine kleine, feine Minderheit.Bei den Juden ist die Sache anders. Pessach ist das Fest der Freiheit, das schon eine alte Tradition hatte, als Jesus ein junger Mann war. Die Geschichte von der Befreiung, die Verpflichtung, jedes Jahr zu Pessach bewußt die Befreiung mitzuerleben und sich persönlich frei zu fühlen – das ist ein sehr wichtiger Baustein der jüdischen Identität. Der kleine Clip mit den ach so jungen Soldaten unterstreicht das. Keiner brauchte ihnen zu sagen “und jetzt erzählt mal was vom Fest der Freiheit”, denn das Fest heißt so – Pessach, chag ha cherut, das Fest der Freiheit. Da kommt der Begriff ganz von alleine. Eine Umfrage unter jüdischen Israelis auf der Straße würde dasselbe Ergebnis bringen. Was bedeutet dir Pessach? Freiheit.Jede Generation des jüdischen Volks fühlt sich, als sei sie selbst aus Ägypten gezogen. Jedes Jahr wird das in einem ausdrücklichen, textreichen und mit Gesten begleiteten Nach-Spielen der Geschichte am Sederabend zelebriert. Die ganze Pessachwoche über ißt man anders als sonst, verhält man sich anders als sonst – der Exodus wird in jedem jüdischen Haus vergegenwärtigt. Der Sinn der ganzen Regeln und Rituale, die Reinigung von Hametz und das Mahl, in dem jedes Glas Wein und jedes Nahrungsmittel seine symbolische Bedeutung haben – der Sinn des ganzen Fests ist die intensive Vergegenwärtigung des Übergangs vom Sklavendasein in die Freiheit.Für die Juden, die über Jahrtausende hinweg nicht frei waren, nicht unabhängig waren, ist darum ihr Staat von überwältigender und beglückender Bedeutung. Jeder Jude, egal woher er kommt, trägt in seiner Familiengeschichte die Narben von Abhängigkeit und Unterdrückung mit sich – ob diese Geschichten in der Familie erinnert werden oder nicht. Überall, wo Juden lebten, gab es besondere Regelungen für sie. Sie waren Außenseiter und hielten sich selbst auch bewußt abseits, um ihre Identität zu bewahren. Der Preis, den sich für diese Beibehaltung ihrer Sitten unter Bedingungen von Abhängigkeit und Unfreiheit zahlten, war sehr hoch. Judenverfolgungen, Judenvertreibungen, Pogrome, Diskriminierung – selten waren die Jahrzehnte, in denen es ganz friedlich zuging für die Juden. Das Damoklesschwert hing stets über ihnen.Und der Staat Israel ist auf diesem Erbe, auf diesen Erinnerungen, Ängsten und traumatischen Erfahrungen aufgebaut. Das historische Gedächtnis des jüdischen Volks ist sehr lang. Die Juden, die seit Generationen jedes Jahr ihr Fest der Freiheit feiern, wissen Freiheit zu schätzen. Freiheit der Lehre und Forschung, Freiheit der Auslegung der Straßenverkehrsordnung, Freiheit der Ladenöffnungszeiten, Freiheit der Rede und Kritik, Freiheit im alltäglichen Umgang, Freiheit der Regeln in Kleidung und Höflichkeit.In der Buntheit, die ich jeden Tag um mich sehe, in der formlosen Burschikosität, im rastlosen Suchen nach kreativen Lösungen für Probleme, in den flachen Hierarchien in Unternehmen und Armee, in den Sandalen und offenen Hemden bei Universitätsrektoren, die von allen geduzt werden, in der riesigen Anteilnahme für Familie Shalit, in der Risikobereitschaft und Unternehmungslust so vieler Israelis – überall kann ich den kleinen, goldenen Faden des unbändigen Freiheitswillens erkennen. Er ist einer der Schlüssel zur israelischen Mentalität, wenn man überhaupt an die Existenz dieses schwer zu fassenden Phatnoms glaubt. Hat ein Israeli die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, wählt er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Freiheit. Wie würden Deutsche wählen? Ich weiß es nicht. Vielleicht ein Mittelding?Wer Israel und die Israelis verstehen will, für den ist darum Pessach die ideale Reisezeit. Nicht nur wegen des angenehmen Wetters und trotz der überfüllten Hotels und überteuerten Flüge. Wer einmal zu Pessach in einem Raum voller Juden gesessen hat und gehört hat, wie sie inbrünstig singen “avadim hayinu, avadim – ata bnei chorin, bnei chorin” – “wir waren Sklaven, Sklaven – jetzt sind wir Söhne der Freiheit, Söhne der Freiheit” – der versteht auf einmal ganz viel. Ja, ihr wart Sklaven, und jetzt seid ihr frei. Mein Gott, und wie froh bin ich, daß ihr frei seid – das denke ich jedes Jahr wieder zu Pessach. Wie gut, daß das jüdische Volk frei ist.Ich bin keine Jüdin und meine Traumata sind anderer Art. Ich bin frei aufgewachsen, meine Eltern sind in Freiheit aufgewachsen, und wer die NS-Diktatur in Deutschland beklagt, muß sich auch daran erinnern, daß sie frei gewählt worden ist. Mein Freiheitsbegriff ist viel weniger emphatisch, viel weniger beschwörend. Das ist mein Privileg. Und Privilege haben es an sich, daß man sie nicht spürt, daß man sie für selbstverständlich hält. Nur wer das Privileg NICHT hat, der merkt sein Fehlen. Nur wer noch spürt, daß er mal Sklave war und unfrei und von anderen kontrolliert wurde, der weiß, was Freiheit bedeutet. Und er wird sie über alles schätzen und hochhalten und sie zum zentralen Thema des zentralen Familienfestes im Jahreskreis machen.Frohes Fest

 

Achim Grafe

Hallo, ich heiße Achim, von Beruf Druckereikaufmann und seit längerer Zeit auch Blogger. Aber nicht von Beruf, sondern nur aus Spaß. Mein Lieblingsthema ist "Christsein so wie es Jesus gemeint hat." Ich hoffe Dir hat dieser Artikel gefallen. Über Dein Feedback würde ich mich riesig freuen ;-) Du findest mich auch auf Google+ und auf Facebook. Hier gibt es mehr über mich.

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