Kirche 2.0

Die große Erschöpfung

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Wer sich über den Zustand des Christentums in Deutschland und Europa Gedanken macht, könnte in Trübnis verfallen, wenn er nicht:

  1. Bedenkt: Gott ist nicht tot.
  2. Weiss, das „mein Erlöser lebt.“
  3. Glaubt, das der Heilige Geist, dessen wir zu Pfingsten gedenken, heute noch genauso wirkt wie zur Zeit der Apostel.

Dennoch ist es nötig sich Gedanken zu machen, den es gilt immer noch „Wachet und Betet“
Deshalb habe ich diesen Artikel veröffentlich, eine sehr passende Analyse.
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Ohne Frömmigkeit erlischt das Christentum

Karfreitag 2012, wichtigstes Fest im evangelischen Kirchenjahr. Zum Gottesdienst versammeln sich etwa fünfzig Menschen im altehrwürdig-gotischen Gotteshaus: Vertreter des protestantischen Restbürgertums, ein paar einsame Alte, ein paar „Kanzelschwalben“, Theologiestudenten, einige von der verhockten Sorte, einige fromme (leicht katholisierend), einige jugendgruppenbewegte.

Der Überhang an Frauen ist deutlich, auch unter den Studenten, kaum mittlere Jahrgänge. Fast jeder kommt in Alltagskleidung, die Küsterin erscheint in einer unförmigen violetten – immerhin violetten – Strickjacke und Jeans, während der Abendmahlsfeier irritieren die schmutzigen Turnschuhe des Nachbarn den gesenkten Blick.

Der Gottesdienst vollzieht sich schleppend, was auch an der Privatagende liegt, die irgendjemand irgendwann in der Gemeinde durchgesetzt hat, kein Mensch weiß, wann er sich erheben soll, wann nicht, was gesprochen, was gesungen wird, der Kantor ist längst eingespart, der Organist ungeübt.

Die Hauptursache der Konfusion ist aber der Geistliche, der die Pensionsgrenze weit überschritten und den man jetzt geholt hat, weil die Amtsbrüder diesen unglücklichen Termin – vor dem „Osterstress“ – los sein wollten. Liturgisch verliert er mehrfach den Faden, beginnt den Psalm an der falschen Stelle, liest ein offenbar schon früher eingesetztes Manuskript als Predigt vor und verabschiedet sich zum Schluß mit „Frohe Ostern!“

Selbstverständlich geht es auch anders, in anderen Gegenden Deutschlands, wo die Entkirchlichung nicht so weit vorgeschritten ist und die Milieus intakt sind, wahrscheinlich in vielen katholischen Messen. Aber es dürfte kaum jemand behaupten, dass das Geschilderte ohne repräsentative Bedeutung ist. Ganz abgesehen von der Schauseite, die das Christentum immer noch zu präsentieren vermag, schreitet der Prozeß des Verfalls hinter den Kulissen in Deutschland und in der westlichen Welt ungehindert weiter fort.

Dafür kann man zahlreiche Ursachen benennen, und das wird auch regelmäßig getan: von der Rationalisierung und der Individualisierung in der modernen Welt bis zur fehlenden oder überbordenden Anpassungsbereitschaft des Christentums. Aber die Analyse und die Vorschläge für Abhilfen bleiben regelmäßig auf das Äußere gerichtet, auf das, was machbar ist, auf organisatorische Maßnahmen, Deregulierung, Marketing, die üblichen Verfahren zum Erzeugen von Enthusiasmus.

Die Kirche spricht von sich selbst oft wie von irgendeiner Institution, was an eine Äußerung Helmut Schelskys erinnert, dass eine Glaubensgemeinschaft am Ende ist, die anfängt, sich soziologisch – und nicht mehr als Glaubensgemeinschaft – zu betrachten.

Klaus Harpprecht hat unlängst in einem Essay für die Zeit knapp festgestellt, „dass die Majorität der europäischen Christen die Grundsubstanz des Glaubens leugnet“. Bezogen war diese Aussage darauf, daß unter Katholiken wie Protestanten nur noch eine Minderheit an der leiblichen Auferstehung festhält, die in der Bibel gelehrt wird, daß Rom sich, das ignorierend, auf eine Formelsprache zurückziehe und Wittenberg überhaupt verstumme, wenn es theologisch ernst werde.

Europa prägten religiös die postchristlichen Heiden und die – nur formal christlichen – Häretiker. Man kann den Befund Harpprechts leicht ergänzen um andere Punkte der Dogmatik, etwa die Schöpfungslehre, die Gottessohnschaft, die Jungfrauengeburt, die Wunder Jesu oder das Verständnis der Sakramente. Trotzdem verstellt ihm die Herkunft aus dem lutherischen Pfarrhaus und der Region des gottesfürchtigen Schwaben den Blick. Denn diese Lage ist nicht neu. Die verbreitete Vorstellung, als ob in Deutschland oder in Europa bis vor kurzem noch Rechtgläubigkeit der Normalfall gewesen sei, ist verkehrt.

Man muß nicht Jacob Burckhardts Einschätzung teilen, dass es schon unter den Gebildeten der Renaissance keine Bereitschaft mehr gab, die Hauptlehren des Christentums zu akzeptieren, aber sicher hatte sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in der europäischen Intelligenz die Vorstellung etabliert, dass der Kirche nicht oder nicht in allem zu folgen sei. Offener Atheismus war die Ausnahme, aber der Glaube „in den Grenzen der Vernunft“ zeigte neben dem Monotheismus nur noch ethische Schnittmengen mit dem traditionellen Christentum, und Schleiermacher richtete seine Reden „Über die Religion“ eben „an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ und meinte bezeichnenderweise, der Satz von der Auferstehung gehöre nicht zwingend ins Credo.

Diese vor allem in dem Teil Europas, den die Reformation erfaßt hatte, mächtige Prozeß der „Umformung des christlichen Glaubens in der Neuzeit“ (Emanuel Hirsch) darf man als Reaktion auf den Wandel der Dinge genauso kennzeichnend finden wie die Anstrengungen der katholischen Kirche in der Folge, den „Modernismus“ der Theologen einzudämmen.

Der Prozeß des Glaubensverlustes vollzog sich an der Basis natürlich mit Verzögerung, aber schon die Grenadiere Napoleons waren nur mehr auf Befehl Meßgänger wie vorher Pfaffenfresser, die Kirchenneugründungen oder Erweckungsbewegungen protestantischer Prägung, die im 19. Jahrhundert zum Teil verblüffende Erfolge hatten, fielen nach und nach in sich zusammen oder erstarrten in sektiererischer Abschließung. Ansonsten galt die Feststellung Donoso Cortés’, dass wohl ein einzelner seinen Glauben wiederfinden könne, aber nicht ein ganzes Volk.

Tatsächlich haben weder der zähe Widerstand und die Verteidigung des Überkommenen noch die entschlossene Anpassung an den Zeitgeist den Bedeutungsverlust des Christentums aufhalten können. Bis in die letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts blieb es eine Größe, mit der man rechnen musste, die Rolle, die der Katholizismus für den Zusammenbruch des Ostblocks gespielt hat, machte das ein letztes Mal eindrucksvoll deutlich. Aber auch das waren nur geringe Verzögerungen, seitdem wird der Nachholbedarf zügig gedeckt, und das Christentum geht nicht an der aggressiven Feindschaft eines Gegenglaubens zugrunde, sondern am Desinteresse der hedonistischen Massen und Eliten.

Selbstverständlich wird man einwenden, dass solche Rede vom Bedeutungsverlust der Religion eurozentrisch sei, angesichts der „Rache Gottes“ (Gilles Kepel) in Gestalt der Fundamentalismen. Aber man muss genauer hinsehen. Weder der jüdische noch der Hindufundamentalismus sind eine Kraft von mehr als regionaler Bedeutung, und der christliche ist so eng verzahnt mit dem american way of life, dass man ihn sich außerhalb dieser Symbiose nicht lebensfähig vorstellen kann.
Es bleibt im Grunde der Islamismus, und dessen Dynamik wird gespeist von Ressentiment und Bildungsmangel. Beides mag ihn für lange Zeit vorwärtstreiben, aber seine Anziehungskraft wird immer auf Unterlegene beschränkt bleiben. Deshalb ist auch die Aufregung über missionarische Aktionen wie die salafistische unangebracht. Soll man doch in jeden Haushalt einen Koran bringen. Die Deutschen werden sich für den Inhalt so wenig interessieren wie für den der Bibel, oder sie werden hineinschauen und enttäuscht sein.

Denn um der Lektüre etwas abgewinnen zu können, bedürfte es eines gewissen Maßes an religiöser Ansprechbarkeit, Max Weber hätte „Musikalität“ gesagt, die heute kaum mehr vorausgesetzt werden kann. Nicht das die Menschen Glaubensfragen per se ablehnend oder den traditionellen Formen institutioneller Religion feindselig gegenüberstehen, aber zu den Folgen der gesellschaftlichen Atomisierung gehört, dass sie keine verbindlichen Antworten hören wollen.

Man bastelt sich seine Metaphysik und die Elemente dieses patchwork wechseln je nach Lebenslage oder Stimmung, etwas Anthroposophie oder etwas Yoga, etwas keltische Weisheit oder etwas Tarot, etwas Buddhismus oder Hinduismus, Kabbala oder ein etwas „Jesus liebt dich“, Dalai Lama oder etwas Küng oder und ein Schuss Käßmann.

Die Religionswissenschaft nennt so etwas Synkretismus, und unbestreitbar kann der Synkretismus produktiv sein. Die Glaubensgeschichte des Christentums legt davon Zeugnis ab. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und feststellen, dass faktisch alle historischen Religionen das Ergebnis von Synkretismen sind.
Aber dabei spielte eine wichtige Rolle, dass nicht irgendwelche Elemente zusammengefügt wurden. Es musste ein religiöses Leitmotiv geben, das sich ursprünglich Fremdem anpasste und angliederte, und es ist nicht erkennbar, dass heute irgendwo ein schöpferischer religiöser Genius wirksam wäre, der diese Leistung erbringen könnte.

Auch Harpprecht geht in seinem erwähnten Text auf dieses Problem ein, aber sein Vorschlag, das Christentum solle sich noch weiter öffnen, läuft im Grunde auf den alten Irrtum des protestantischen Liberalismus hinaus, dass man die Schätze der Kirchengeschichte bewahren und doch ein fröhliches Weltkind sein könne. Ins Spiel kommt dabei außerdem eine Ignoranz gegenüber jenen Anstrengungen, die deutsche Denker in den beiden letzten Jahrhunderten unternommen haben, um das zu retten, was man in unserer Sprache „Frömmigkeit“ nennt.

Unter Frömmigkeit sei hier eine Haltung verstanden, die Glauben und mithin Religion bedingt und als deren entscheidende Voraussetzung betrachtet werden kann. Und die Sorge, dass solche Frömmigkeit verlorengehe, trieb Herder wie Arndt und Goethe, Wagner, Nietzsche und Lagarde, Klages, Scheler, Hirsch und Heidegger um. Kennzeichnend für ihr Bemühen war – bei durchaus differierender, zum Teil scharf ablehnender Haltung gegenüber dem Christentum – der Versuch, etwas zu retten, von dem sie befürchteten, dass es in der Moderne zugrunde gehen werde: das Gefühl für das Heilige, das ganz Andere, das der Einbindung wie der Freiheit des Menschen die eigentliche Bedeutung gibt.

Der geistige Weg, den die Genannten beschritten haben, ist heute vergessen. Das hat auch damit zu tun, dass „die Religiosität der Durchschnittstypen die Wendung von der Substanz des Götterhimmels und der transzendenten ‘Tatsachen’“ niemals vollzogen hat, sondern ohne Halt in Glaubenslosigkeit oder Gleichgültigkeit überging.
Der Philosoph Georg Simmel, der diesen Prozeß schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Sorge beobachtete, hoffte trotzdem, dass es möglich sei, „alle überweltliche Sehnsucht und Hingabe, Seligkeit und Verworfensein, Gerechtigkeit und Gnade nicht mehr gleichsam in der Höhendimension über dem Leben, sondern in der Tiefendimension innerhalb seiner selbst“ zu verankern und so den Glauben wieder im Lebensvollzug zu verankern.
Das ist nicht gelungen, weshalb die religiöse Lage – und also nicht nur die des Christentums – so trostlos wirkt, eingekeilt zwischen dem immer weiter abschmelzenden Bereich traditioneller Glaubensformen und dem wachsenden geistlicher Beliebigkeit.

Dr. Karlheinz Weißmann, Jahrgang 1959, ist Gymnasiallehrer, Autor und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Autor

Hallo, ich heiße Achim, von Beruf Druckereikaufmann und seit längerer Zeit auch Blogger. Aber nicht von Beruf, sondern nur aus Spaß. Mein Lieblingsthema ist "Christsein so wie es Jesus gemeint hat." Ich hoffe Dir hat dieser Artikel gefallen. Über Dein Feedback würde ich mich riesig freuen ;-)

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