Fundstück Israel

Heilige Woche ‐ Woche der Jesusfamilie

Die heilige Woche,

wie die Evangelien sie uns berichten, ist vor allem ein Geschehen in der Gottesfamilie.So gewiss sie universale Ausmaße hat, in der Fülle der Zeiten sich ereignete und die Weltneugestaltung einleitete, so gewiss ist sie doch zunächst und im inneren Raum ein Geschehen in der Gottesfamilie.

So wie bei allem Tempelkult als dem zentralen Gottesdienst der Nation und des Volkes das Leben des Israeliten sich zuerst und zuletzt doch in der natürlichen und zugleich gottverbundenen Familie abspielte und noch heute ereignet, so auch hier. Ist nicht immer und immer wieder das Passahfest ‐ wo es auch gefeiert wird ‐ Feier der Familie, der Volksfamilie Israel und somit der Gottesfamilie? Und hat die feierliche Anordnung dies nicht für alle Zeiten dadurch festgehalten, dass der Hausvater das priesterliche Haupt am häuslichen Tisch ist, der mit den Seinen, der engeren und der Großfamilie, das Mahl des Gedächtnisses vollzieht? Das alles freilich im Bewusstsein der alle Familien einenden Tatsache, dass Israel als Ganzes, Volk Gottes ist. Und haben nicht auch die anderen Feste Israels ihre familienhafte Bedeutung? Denken wir nur an das Laubhüttenfest!

 

So aber ist es auch am Anfang des neuen Bundes. Gerade die „heilige Woche“ ‐ die Woche von Palmsonntag bis Ostern, wie wir uns nach unserer kirchlichen Überlieferung ausdrücken ‐ erschließt uns den Leidens‐ und Vollendungsweg als eingebettet in diese Gottes‐ und Jesusfamilie.

Wenn wir uns nun nochmals den Bericht der Evangelien vor Augen halten, so beginnt der eigentliche und engere Leidensweg Jesu, diese seine letzte Woche auf Erden, in Bethanien, in der brüderlichen Gemeinschaft einer im Glauben und durch die Erfahrung vereinten Schar. Er führt weiter über die großen Geschehnisse in Jerusalem, die ein nationales und internationales Ausmaß haben, aber Jesus doch immer wieder in der Rückkehr zu seiner Jüngerfamilie zeigen, bis hin zum Gründonnerstagabend beim Passahmahl mit den Seinen. Er führt weiter über das Kreuzgeschehen und die Kreuzabnahme zum Ostertag, da er sich seiner Bruderfamilie von neuem kundgibt.

Wenn wir diesen Weg mitzugehen versuchen, schauen wir hinein in ein inneres Geschehen, das von den Massen und von den Verwaltern der Religion wie von den Wahrern des Gesetzes und der Frömmigkeit nicht gesehen wurde. Es vollzog sich nämlich innerhalb des „heiligen Überrestes“, innerhalb dieser Familie der Erwählten, die zugleich die Armen und Elenden waren, wie schon immer in der Geschichte des Reiches Gottes.

Nach dem Johannes‐Evangelium beginnt die letzte Woche Jesu wie mit einem gewaltigen Paukenschlag, der Himmel und Erde und Totenwelt erschüttern lässt: mit der Auferweckung des Lazarus.Auch dieses Geschehen ist ganz deutlich eingebettet in diese kleine Familie der Glaubenden, die sich als messianischer Jüngerkreis um ihren Herrn scharte in Liebe und Hoffnung. Lazarus und seine Schwestern Martha und Maria sind ein zeichenhaftes Abbild dieser „inneren Kirche“, dieser Gottesfamilie. Sie erweitert sich dann zu jener Schar, die sich auch nach den anderen Evangelien dort in Bethanien zusammenfindet zu einem letzten abendlichen Mahl mit ihrem Meister und ihrem Herrn und Bruder. (Johannes lässt dieses Mahl vor dem Einzug in Jerusalem stattfinden; bei Matthäus und bei Markus kommt es innerhalb der Leidenswoche unmittelbar vor dem Passahmahl zustande.)

Wir müssen diese Berichte mit starker Anteilnahme lesen. Jede und jeder von denen, die dort in Bethanien beteiligt sind, hat eine eigene und besondere Beziehung zum Herrn und innerhalb dieser kleinen Familie: Da ist Simon der Aussätzige, in dessen Haus die Tischgemeinschaft stattfindet, also ein Geheilter des Herrn, ein „Wiedergeborener“. Da sind die Apostel, Jesu „Brüder“, die trotz viel ungereinigter Art doch seine Nächsten und Engsten sind. Da ist Lazarus, der von den Toten Erweckte, Glied der neuen Menschheit. Und da sind Martha und Maria, die zwei ganz verschiedene Ausprägungen darstellen, den aktiv‐diakonischen und den kontemplativ‐betenden Menschen. Ist ihre Mahlgemeinschaft mit dem Meister nicht ein Vorbild der Agape, jenes kommenden Liebesmahls, das die Söhne und Töchter des Neuen Bundes, die Familie des Neuen Testaments, vereinigen wird mit dem Sohn und dem Vater? Dabei wird in Bethanien deutlich, wie hier eine Art Einweiheakt geschieht durch die Salbung „auf den Tag seines Begräbnisses“. Hier wird der Messias Gottes in der Mitte der Seinen von einer Frau als Sinnbild der Kirche und göttlichen Weisheit für seinen Leidens‐, Opfer‐ und Todesgang gesalbt!

Aus diesem Raum heraus macht sich der Herr auf zum Einzug in Jerusalem. Auch hier schimmert überall das verborgene Geschehen heiliger Familie hindurch: der Mann, der den Jüngern den Saal gewährt für das Passahmahl; das Haus und sein Eigentümer, dessen Eselfohlen sie für den Meister holen; die Schar der Freunde, die ihn bei seinem Einzug begleiten und grüßen bis hinein in den Tempel, wo die Kinder das „Hosianna“ rufen und er wie der erstgeborene und große Bruder für sie einsteht. In diese Familie eingeordnet und mit hineingenommen wollen und dürfen wir ihn begleiten und uns den Blick öffnen lassen für dieses Geheimnis der Liebe Gottes, des Vaters, die sich widerspiegelt in dem Sohn und dem Bruder, dem Herrn und dem Lamm.

Wie sehr diese Schar der Seinen mit ihm ist, geht aus dem Kreuzigungsbericht hervor, wo auf einmal nicht die Zwölf ‐ außer Johannes ‐, sondern gerade die anderen, die Freunde und besonders die Frauen, auftauchen. Eine ganze Schar wird uns in den Berichten genannt. Aber sind sie nicht alle verborgen schon in den Tagen vorher dabei, mit zitternden und fragenden Herzen, ohne zu wissen, was letztlich gespielt wird und sich vollzieht? Angedeutet ist dies damit, dass der Herr jeweils am Abend aus Jerusalem entweicht und mit seinen Jüngern hinausgeht nach Bethanien, um nicht in der Stadt zu nächtigen, den Häschern entnommen. Und spiegelt sich nicht in seinen Botschaften und Prophetien etwas von dem Geheimnis der königlichen und göttlichen Familie wieder, z.B. in dem Bild von der Hochzeit, den Gästen, den Jungfrauen, den Knechten und ihrem Haushalten bis hin zu den Auserwählten, um derentwillen die Trübsale verkürzt werden?

Da kommt der Gründonnerstag:

Diese Bruderfamilie der Liebe Gottes, diese Freundschaft Gottes und der Menschen, die von dem, der des Freundes Brot isst, missbraucht und verraten wird. Ob wir an den Bericht des Johannes von der Fußwaschung denken (Kap. 13) oder an die Berichte von der Mahlfeier, dem Passahmahl des Herrn und der Seinen ‐ immer handelt es sich um den gleichen Raum des inneren Geschehens. Wer einmal Passah in einer jüdischen oder judenchristlichen Familie und Gemeinschaft gefeiert hat, weiß um diese zeichenstarke Kommunion rings um den Tisch mit dem Brot und dem Kelch, gesegnet und dargeboten.

Hier in dieser Bruderfamilie wird von Jesus das Mahl, die Tischgemeinschaft einer neuen Welt, eingesetzt. Verhüllt nicht oftmals die Vereinseitigung dessen, was wir das Sakrament des Abendmahls und der Eucharistie nennen, zum feierlichen Gottesdienst in Kirchen und an Altären bis hin zu den prachtvollen Hochämtern diesen wahrhaft schlichten, familienhaften und brüderlichen Charakter des Herrenmahls als Tischgemeinschaft und Opfermahlzeit? Muss es nicht ‐ zumindest in den Bruderschaftsfamilien und in den Hauskreisen oder Hauskirchen ‐ wieder eine Weise geben, die diesen Sinn des Abendmahls neu darstellt? Nicht um jenen anderen Charakter auszuschließen, sondern um ihn zu ergänzen!

Doch wenn wir diese letzten Tage der heiligen Woche durchsinnen, stoßen wir noch mehr auf diese Jesusfamilie, deren Meister und Haupt so schmerzlich brennend verleugnet wurde von Petrus im Hof des Hohepriesters, bei dem Johannes durch seine Verwandtschaft Einlass hatte. Wie sehr aber, jetzt ganz in den Hintergrund verbannt, die Seinen angst‐ und schmerzerfüllt dabei waren, das zeigt sich auf dem Weg hinaus nach Golgatha und unter dem Kreuz. Wenn dabei die Legende von der Mutter des Herrn und von Veronika und ihrem Schweißtuch berichtet, so sind das Überlieferungen, die aus diesem Raum der heiligen Familie stammen. Wir brauchen nicht auf das Wort von der Mutter und dem Jünger, den er lieb hatte (Joh 19, 26), einzugehen, noch auf die Namen all der Frauen, die unter dem Kreuz stehen. Auch bei der Kreuzabnahme treten die Seinen, seine „Brüder und Schwestern“, deutlich hervor, da wo es um die vorläufige Grablegung und um die Vorbereitung für die eigentliche feierliche Einbalsamierung geht. An Joseph von Arimathia und Nikodemus merken wir, wie erweitert diese messianische Familie des Herrn gewesen ist.

Und dann der Ostertag!

Nicht der Welt offenbart er sich (Joh 14, 22), aber den Seinen, den Gottesfreunden, den Brüdern und Schwestern. Wir sehen und hören das gleichsam elektrisierte, spannungsvolle Bewegtsein von ihnen allen: ob Maria‐Magdalena zurückeilt, die Jünger Petrus und Johannes zum Grab laufen, die Frauen aufgewühlt und voller Furcht ihm begegnen, die Jünger von Emmaus unterwegs sind und am Tisch ihn erkennen, bei der Mahlzeit (!) ‐ immer lassen uns die Berichte eine Seite dieser Jesusfamilie aufleuchten. Er selbst spricht so von ihnen: „Gehe hin zu meinen Brüdern!“ (Joh 20,17) Er selbst spricht von dem gemeinsamen Vater: „Ich steige auf zu meinem Vater und zu eurem Vater!“ (Joh 20,17)

So geht dieser geheime Jubelklang und das Wunder der Begegnung für all die Seinen durch die 40‐tägige Freudenzeit bis hin zum Tag seines leibhaftigen Abschieds, ja bis zu jenem Tag der Pfingsten. Denn die 120, die nach seiner Weisung der Verheißung des Geistes warten ‐ sind sie nicht nach Apg 1,13 ff gerade diese seine Liebes‐ und Bundesfamilie, seine Mutter mit eingeschlossen und die anderen Frauen? Also eine Schar von Männern und Frauen, Verheirateten und Ledigen, Alten und Jungen – So möchten wir mit diesen Zeilen nur anregen, in der Karwoche sich schlicht einzugliedern in diese Familie Gottes und mit ihr diese Tage zu durchsinnen. Unsere Meditationen der Leidens‐ und Freudentage Jesu werden an Farbe und Tiefe gewinnen und wir werden nicht nur für uns allein, sondern mit unseren Nächsten, mit unseren Brüdern und Schwestern, mit denen uns gemeinsames Leben verbindet, diese Karwoche und das österliche Fest und die Freudenzeit durchleben. Wir werden das Leid annehmen, das uns vielleicht von diesem oder jenem bereitet wird, uns ‐ oder besser: dem Herrn. Wir werden willig für den Schmerz, für das Kreuz, für das kleine Stück Sterben, das uns auferlegt wird, wie für jenes stete Auferstehen in Ihm und mit Ihm hinein in Sein Leben. Und so ist das zugleich auch ein Leben in der Gemeinschaft der Seinen, in dieser messianischen Gottesfamilie, die er zum ewigen Erbe bereitet.

(Klaus Heß, 1965. Text leicht bearbeitet, AN)

Hallo, ich heiße Achim, von Beruf Druckereikaufmann und seit längerer Zeit auch Blogger. Aber nicht von Beruf, sondern nur aus Spaß. Mein Lieblingsthema ist "Christsein so wie es Jesus gemeint hat." Ich hoffe Dir hat dieser Artikel gefallen. Über Dein Feedback würde ich mich riesig freuen ;-)

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